Zwischen Kieferknacken und Kopfschmerz: Wenn der Körper gegen die Bildschirmzeit rebelliert

Zwischen Kieferknacken und Kopfschmerz: Wenn der Körper gegen die Bildschirmzeit rebelliert

Egal, ob im Homeoffice, beim Scrollen durch die sozialen Medien oder bei digitalen Meetings: Viele Menschen verbringen täglich mehrere Stunden vor Bildschirmen. Nach Angaben der Techniker Krankenkasse sitzen Erwerbstätige in Deutschland außerdem durchschnittlich mehr als zehn Stunden pro Tag – und meist in einer einseitigen Haltung. Das bleibt nicht ohne Folgen.

Besonders belastet werden davon die Halswirbelsäule, Schultern – und überraschenderweise auch der Kiefer. Beschwerden wie Verspannungen, Kieferknacken, Spannungskopfschmerzen oder sogar Tinnitus nehmen bereits seit Jahren zu. Dennoch bleibt der Zusammenhang oft unerkannt.

Der Kiefer als stilles Opfer von Stress und Fehlhaltungen

Die Craniomandibuläre Dysfunktion, kurz CMD,  stellt ein funktionelles Störungsbild dar, das den Kiefer, die Muskulatur, das Kiefergelenk sowie angrenzende Strukturen betrifft. Häufige Auslöser sind nächtliches Zähneknirschen, also ein Bruxismus, ein unbewusstes Zusammenpressen der Kiefermuskeln bei Stress sowie Fehlhaltungen, vor allem bei langer Bildschirmarbeit.

Die resultierenden Beschwerden reichen von Kiefergelenkschmerzen, Knack- oder Reibegeräuschen über Kopfschmerzen bis hin zu Nackenverspannungen und Schwindel. Besonders problematisch: Eine CMD wird häufig nicht als solche erkannt und bleibt daher unbehandelt oder wird lediglich mit herkömmlichen Schmerzmitteln überdeckt. Eine gezielte Diagnostik durch einen CMD Spezialist ist jedoch entscheidend, um die Ursache zu identifizieren und die passenden Therapiemaßnahmen einzuleiten.

Schwierige Diagnose wegen unspezifischer Symptome

Bei CMD handelt es sich um kein einheitliches Krankheitsbild. Es ist ein Sammelbegriff für verschiedene funktionelle Störungen im Kausystem. Genau das macht die Diagnose so schwierig. Die Symptome fallen sehr unterschiedlich aus und werden daher häufig mit anderen Erkrankungen verwechselt, etwa mit Migräne, Zahnschmerzen oder orthopädischen Problemen.

Viele Betroffene irren somit über Jahre von Arzt zu Arzt, ohne eine eindeutige Erklärung für ihre Beschwerden zu erhalten. Eine interdisziplinäre Betrachtung – unter Einbeziehung von Zahnmedizin, Physiotherapie und Orthopädie – ist daher sinnvoll.

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Was wirklich hilft – wirksame Maßnahmen im Überblick

Eine wirksame CMD-Therapie setzt an mehreren Punkten an:

  • Ergonomischer Arbeitsplatz: Bildschirm auf Augenhöhe, aufrechte Sitzposition, regelmäßige Positionswechsel
  • Bewegungspausen: alle 45 Minuten aufstehen, lockern, dehnen
  • Stressregulation: Achtsamkeitstraining, Meditation und Biofeedback helfen, muskuläre Anspannung aktiv abzubauen
  • Physiotherapie: gezielte Übungen zur Entspannung der Kiefermuskulatur und Verbesserung der Körperhaltung
  • Zahnschienen: individuell angepasste Aufbissschienen reduzieren das nächtliche Knirschen
  • Verhaltenstherapie: hilfreich, wenn psychische Belastungen oder unbewusste Verhaltensmuster eine Rolle spielen

Die ersten Schritte sollten darin bestehen, die tägliche Bildschirmzeit zu begrenzen, zum Beispiel mit Hilfe der 20-20-20-Regel. Das bedeutet, alle 20 Minuten für 20 Sekunden auf etwas in 20 Fuß − circa. 6 Meter − Entfernung zu blicken. Darüber hinaus sollte der Kiefer bewusst entspannt werden, indem die Lippen geschlossen gehalten werden, während die Zähne nicht aufeinander liegen. Essentiell ist es zudem, die beteiligten Stressoren im Alltag zu identifizieren und anschließend gezielt abbauen. Bei länger anhaltenden Symptomen sollte dann eine gezielte Diagnostik bei einem Spezialisten eingeholt werden.

Eine monokausale Lösung gibt es also kaum. Es ist in der Regel die Kombination aus Alltagsveränderung, körperlicher Therapie und Bewusstseinsarbeit, die langfristige Linderung für die Betroffenen bringt.

Die Rolle von Arbeit und Gesellschaft

Die Zunahme funktioneller Beschwerden wie CMD ist auch ein Ausdruck von gesellschaftlichen Veränderungen, die sich in permanentem Zeitdruck, ständiger Erreichbarkeit und einer massiven Informationsüberflutung äußern. In vielen Büros fehlen noch immer ergonomische Standards, in mobilen Arbeitsmodellen ist dagegen Eigenverantwortung gefragt. Die dafür nötige Sensibilität wird allerdings oft erst dann geschaffen, wenn bereits Schmerzen auftreten.

Krankenkassen und Arbeitgeber beginnen jedoch seit einiger Zeit, das Thema stärker zu adressieren, etwa in Form von Präventionsangeboten oder ergonomischer Beratung im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements.

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Der Körper spricht – wer hört hin?

Bei CMD handelt es sich heute leider nicht mehr um ein Randphänomen. Es zeigt sich als gesundheitlicher Ausdruck einer digitalen Lebensweise, die Körper und Psyche dauerhaft stark beansprucht. Wer frühzeitig reagiert, kann allerdings meist verhindern, dass aus vorübergehenden Beschwerden chronische Belastungen entstehen.

Viele Ursachen lassen sich mit etwas Aufmerksamkeit und gezielter Unterstützung beheben − vorausgesetzt, die Signale des Körpers werden ernst genommen und die Ursachenklärung nicht dem Zufall überlassen.